Die 32 Stunden Woche für alle

This is an article by my friend Tina Hirschel. She has already published this essay in English and asked me to published the German version on my blog. I am very happy to present it to you.

Ein Vorschlag der neuen Familienministerin Manuela Schwesig erhitzt die Gemüter und regt damit eine öffentliche Debatte an, die in ihrem Grundsatz genauer betrachtet werden sollte – nicht bloß für Eltern, sondern für die gesamte Gesellschaft.

In der Nachhaltigkeits-Wissenschaft gilt eine Reduktion der Arbeitszeit für den gesamten Arbeitsmarkt schon längst als erstrebenswertes Ziel. So spricht die Soziologin Juliet Schor von einer „dreifachen Dividende“ für die Gesellschaft, Wirtschaft sowie Ökologie gleichermaßen.

Die Amerikanerin stützt sich auf die Beobachtung, dass die gesamtgesellschaftlichen Arbeitsstunden für Erwerbstätige konstant steigen, während Unterbeschäftigte und Arbeitslose gesamtgesellschaftlich betrachtet immer weniger Arbeitsstunden leisten können. Schalten die Vollerwerbstätigen einen Gang zurück, wird dieses Problem minimiert und die verfügbare Arbeit gerechter verteilt.

Darüber hinaus weist Schor auf die steigende Produktivität von Beschäftigten hin, beruhend auf dem technologischen Fortschritt. Die hieraus gewonnene Zeitersparnis sollte weder in höhere Löhne, noch in steigende Gewinne fließen. Stattdessen kann sie zugunsten sinkender Arbeitszeiten genutzt werden und fängt somit teilweise die Kritik an der Finanzierung des Konzepts auf.

Die Löhne bleiben in Schor’s Vision stabil, während die Zeit am Arbeitsplatz reduziert wird. Das bedeutet insgesamt eine zufriedenere Arbeitnehmerschaft und eine deutlich höhere Beschäftigungsrate.

P1000040Doch warum ist die Vision einer kürzeren Arbeitswoche unter Nachhaltigkeit-Aspekten attraktiv? Prinzipiell agieren Haushalte besonders klimabelastend, wenn ihre Zeit knapp bemessen ist. Mehr Freizeit erlaubt beispielsweise Dinge zu reparieren oder nach Gebrauchtgütern Ausschau zu halten anstatt Neues zu kaufen, Obst und Gemüse selber anzubauen anstatt jeden Abend in den Supermarkt zu hetzen. Mehr Freizeit bedeutet auch sich sozial engagieren zu können oder die Pflege der alternden Familie zu übernehmen. Dies hat nicht nur einen positiven Effekt auf die persönliche Energiebilanz oder unser Konsumverhalten. Es stärkt unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden und unsere Beziehungen zu Mitmenschen.

Nun hat die Debatte über reduzierte Arbeitsstunden in den letzten Tagen vor allem die Kritik an der Generation Y laut werden lassen. Diese sei arbeitsscheu und drücke sich vor der Verantwortung für das generationenbasierte Rentensystem. Aber ist es nicht eben dieses Rentensystem, welches jungen Menschen von jeher als ohnehin instabil verkauft wird, mit dem deutlichen Appell private Vorsorge zu betreiben? Verständlicher Weise möchte ein 25-jähriger Berufseinsteiger nicht seine kommenden 40 Lebensjahre mit dem steten Gedanken an die Rente überschatten und Entscheidungen jederzeit darauf basieren. Vielmehr sollen Entschlüsse im Beruf und Privatleben die persönlichen Lebensvorstellungen widerspiegeln und später zugunsten einer gesunden und glücklichen Familie getroffen werden.

Die Generation Y will arbeiten, weil es nicht nur zur besagten Selbstverwirklichung nach langen Ausbildungszeiten beiträgt sondern ein erfülltes Leben ermöglicht. Dieser Gedanke wird oft verdrängt bei Jobs, die einen Arbeitnehmer 40 Stunden, oft sogar mehr, vereinnahmen und neben Haushalt, Erledigungen und sonstigen Verpflichtungen kaum noch Zeit einräumen für die Dinge, die für den Einzelnen wichtig sind.

Die 32 Stunden Woche steht symbolisch für mehr Freude, Gesundheit, Einklang mit der Umwelt und vor allem Lebensqualität. Basierend auf dem deutschen Leistungsdenken mag das Konzept für viele eine Utopie sein. Doch es ist eine Vorstellung, die den Werten der neuen Arbeitnehmerschaft ein Stück näher kommt.

Momentan mag die Forderung noch visionär und vielleicht illusorisch klingen, aber sie ist vor allem eines: politischer Idealismus. Und ist es nicht gerade das, was die älteren Generationen auch so oft vermisst an den jungen Menschen – Der Wille etwas zu ändern und für ein Ideal einzutreten?

Tina Hirschel, 25, Master-Studentin der Universität Uppsala (Schweden)

You can find the English article here.

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